M(other) Courage

Ein Chorstück von Marta Górnicka | Uraufführung
Deutsch von Andreas Volk

Einem Chor begegnet man heute vor allem in einer Aufführung des Musiktheaters. Aber auch im Schauspiel wird der Sprechchor – der im antiken Theater einen zentralen Platz hatte – immer öfter wiederbelebt.
Jeder Sprechchor ist eine Herausforderung: für die Darsteller in Bezug auf das Sprechen, Rhythmisieren, aufeinander Hören; und für den Zuhörer ist er ein akustisches wie optisches Abenteuer. Gleichzeitig ist der Chor ein Phänomen, ihm haftet etwas Unnatürliches an, sprechen doch viele mit einer Stimme und sind nicht eins. Auch etwas militärisch, gleichgeschaltetes wohnt ihm bei. Seine Gestalt ist massiv, sein Wort hat Gewicht.
Die polnische Regisseurin Marta Górnicka hat sich dem Chor verschrieben. Sie will ihn für das Sprechtheater zurück gewinnen. Hatte in der antiken Tragödie der Chor ein Gegenüber, so steht der Chor bei Górnicka im Zentrum, also allein auf der Bühne. Wobei ›allein‹ in diesem Fall heißt, dass sie für ihre Inszenierung Chöre aus über 20 Menschen zusammenstellt.

weiterlesen

Beim europäischen Festival für junge Regie »Fast Forward« 2012 zeigte sie ihre Arbeit »Magnificat« und kehrt zu Beginn der neuen Spielzeit als Gewinnerin der Festivalausgabe zurück. Für ihre neue Chorarbeit versammelt sie Ensemblemitglieder des Staatstheaters, Schauspielstudentinnen aus Hannover sowie Bürger und Bürgerinnen aus Braunschweig und der Region, die sie in mehreren Castings ausgewählt hat.
Ihren Arbeiten liegt stets ein eigenständiges Libretto zugrunde, welches sie ausgehend von einem literarischen Text um verschiedene Perspektiven und Themen erweitert, bearbeitet und collagiert. Für ihr Braunschweiger Stück lässt sich Górnicka vom Motiv der geschäftstüchtigen Mutter, die im Krieg ihren Profit macht, aber auch ihre Kinder darin umkommen sieht, aus Bertolt Brechts »Mutter Courage« anregen und untersucht es für unsere Gegenwart: Wer profitiert heute vom Krieg? Welcher Preis ist dafür zu zahlen?
Ihr Chor repräsentiert viele Stimmen und hinterfragt die Stereotypen von Gruppen, denen wir angehören oder denen wir gegenüber stehen. Der Chor zitiert Stimmern von Müttern und Kindern, Demonstranten und Gegendemonstranten, Wutbürgern, Kämpfern und Fans. Bekannte Formeln, Sprüche werden skandiert, verfremdet, ironisiert. Sie erleben garantiert nicht Brecht, aber einen Chor, der Kraft hat, überwältigend, aggressiv, überraschend und immer wieder wunderschön ist.

Presse

»Die Inszenierung zieht ihre Kraft allein aus dem gesprochenen, gesungenen, geschrienen und geflüsterten Wort, aus dem klugen hin und her, dem Miteinander und Gegeneinander des Chores. [...] Gleichzeitig ist die Inszenierung aber auch mit einfachen Mitteln gewaltig, schlicht durch die genaue Choreographie und die dichte Wort- und Sprachinszenierung. [...] Besser geht es kaum. Knallt. Ganz gewaltig.« nachtkritik.de

»Manchmal genügen 45 Minuten, um dem Publikum so viel Wind entgegenzublasen, dass diesem schier schwindelig wird. Marta Górnicka, der Preisträgerin des Regiefestivals ›Fast Forward‹ von 2012, gelingt mit der Uraufführung ihrer Chorarbeit ›M(other) Courage‹ nicht weniger als dies. [...] ›M(other) Courage‹ ist eine physisch mächtige, [...] radikale wie mutige und angenehm unpädagogische Produktion, die bei ihrer Premiere verdientermaßen kräftig beklatscht wird.« neue Braunschweiger

»Górnicka selbst steht während der ganzen Aufführung auf einem Sockel in der Mitte des Parketts und dirigiert. Man muss sie nur ansehen, um ihre Kraft zu spüren. [...] Bang. Bang. Bang. Und so dicht und zwingend erscheint auch das Ergebnis auf der Bühne.«
Theater heute

»›M(other) Courage‹ ist vor allem ein akustisch-sinnlicher Genuss, die [...] Regisseurin eingeschlossen, die ihre Choristen inmitten der Zuschauer stehend dirigiert [...]. In solchen Momenten, wenn Choreographie, Sprache und Sinn sich gegenseitig verstärken, ist Górnickas Chortheater ganz stark. [...] Eine erfrischend andere Theatererfahrung. Braunschweiger Zeitung

» [...] die [Inszenierung] ist sowas von fast forward, dass man es kaum in Worte fassen kann: nur 45 Minuten lang, aber mit einem solchen Feuerwerk an gedanklichen und ästhetischen Brüchen, wie sie andere Regisseure kaum in einem Lebenswerk zusammenbekommen. Ganz weit vorn ist sie damit auch in der Entwicklung einer neuen Form von großem avantgardistischem politischem Theater. [...] Marta Górnicka beweist, dass sie eine der spannendsten neuen Stimmen in der europäischen Theaterlandschaft ist.« Theater Pur

Konzept, Libretto & Inszenierung Marta Górnicka
Komposition Wojtek Blecharz
Choreografie Anna Godowska
Bühne Robert Rumas
Realisation Bühne & Kostüme Katharina Lackmann
Lichtdesign Robert Rumas, Artur Sienicki
Dramaturgie Katrin Breschke

Mit Sandra Bezler, Anna Fagan, Nicola Feuerhahn, Jutta Finger, Pauline Kästner, Aleksandra Kuntze, Magdalene Lohmann, Brigitte Middlemiss, Klara-Felicitas Räthel,
Anna Roskinski, Julia Schäfle, Mattias Schamberger, Undine Schönfeld, Waltraut Siemann, Martina Struppek, Maik Teßmann, Christophe Vetter, Andreas Vögler, Julia Weidner, Ingeborg Wender, Rika Weniger, Ulla Winter, Nadine Wolfarth

Gefördert von:

Marta Górnicka ist Preisträgerin von

Wiederaufnahme am 12.10.2016

Teilen

Termine

Momentan sind keine Termine in Planung.