Suzie Miller
Deutsch von Anne Rabe
Tessa ist erfolgreiche Strafverteidigerin. Sie weiß exakt, wie man Zeug:innen in die Mangel nimmt und den Zweifel sät, der nötig ist, um Angeklagte erfolgreich zu verteidigen: in dubio pro reo. Im Zweifel für den Angeklagten, ein einfaches, wirksames Rechtsprinzip.
Eine glänzende Karriere scheint vor Tessa zu liegen – bis ein Flirt in einer alkoholreichen Nacht entgleitet. Tessa wird von ihrem Kollegen vergewaltigt. Der Übergriff erschüttert Tessas ganzes Sein und ihren Glauben das Rechtssystem, dem sie sich verpflichtet hat. Was genau ist Tessa widerfahren und wie kann sie es nachweisen? Welche Handlungsoptionen hat sie? Von einem Moment auf den anderen steht Tessa auf der anderen Seite im Gericht und sieht sich einem System ausgeliefert, das den meist weiblichen Betroffenen sexueller Gewalt keinen funktionierenden Schutz bieten kann. Denn die Beweislast liegt nun bei Tessa.
Mit »Prima Facie« wird im Rechtswesen ein Anscheinsbeweis beschrieben, der einer Gegenpartei die Beweislast überträgt. Die australische Dramatikerin Suzie Miller hat jahrelang als Strafverteidigerin mit dem Schwerpunkt sexueller Nötigung gearbeitet, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. Ihr Erfolgsstück »Prima Facie«, 2019 in Sydney uraufgeführt, wirft Diskussionen auf und weist eindrücklich auf die Unvollständigkeit und Unzulänglichkeit des Rechtssystems hin.
Lilian Thode ist Regieassistentin am Staatstheater Braunschweig und stellt sich mit dieser Inszenierung erstmals dem Braunschweiger Publikum als Regisseurin vor.
Content Note: Dieses Stück behandelt sexualisierte und seelische Gewalt, es kommen Selbstverletzung und Erbrechen vor. Jede:r kann jederzeit den Saal leise verlassen.
Aufführungsdauer: ca. 1 h 40 Min, keine Pause
*»Stück und Schnack« bietet die Gelegenheit, in einer Gruppe Vorstellungen zu besuchen und anschließend bei einem Getränk mit dem:der Produktionsdramaturg:in ins Gespräch zu kommen. Alle Termine und weitere Informationen
»Schauspielerin Lina Witte muss zwischen gespielten Szenen und Selbstreflexion hin- und herschalten. Sie fesselt besonders an den Kipppunkten, wenn die erfolgreiche Anwältin Tessa Ensler in einer Disconacht die Business-Fassade auflöst und übergeht in Tanz, Begehren, Flirt. Und erst recht, wenn die leidenschaftliche Nacht mit ihrem Kollegen Julian umschlägt in die Vergewaltigung. (...)
Auch (den) letzten Kipppunkt spielt Witte packend, wenn Tessa im Gerichtssaal, wo sie vor ihrer Mutter und den feiernden Kumpeln ihres Ex-Flirts Intimstes ausbreiten musste, aus der Verzagtheit wieder in die Selbstsicherheit der Anwältin zurückfindet: Nun spricht sie wieder mit festem Ton und dem Stolz, den Saal dazu gezwungen zu haben, sich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen, auch wenn sie die Verurteilung des Täters nicht erreicht hat. Das Thema aber ist gesetzt, die Vorfälle werden nicht mehr unter den Teppich gekehrt, die Gesellschaft wird sensibilisiert.
Das Stück leistet in dieser gelungenen Inszenierung dazu einen guten und spannenden Beitrag.«