©Bettina Stoess
 
Tanztheater

Vom Sinn der Sinnlichkeit

 

Gregor Zöllig
Uraufführung

 

Tanzen ist pure Sinnlichkeit – das Spüren des eigenen Körpers, die unmittelbare Berührung mit der Partnerin oder dem Partner, das Hören der Musik und auch das Betrachten von Bewegung verschmelzen zu einer Einheit und führen zu einem ganzheitlichen, sinnlichen Erlebnis, welches im Hier und Jetzt stattfindet. Diese Harmonie der Sinne findet im Moment statt und bringt uns mit der Welt in Einklang.
Doch können wir uns auf solch tiefe Erfahrungen von Sinnlichkeit heute noch einlassen? Mit der zunehmenden Digitalisierung sind wir zwar einer Unzahl von sinnlichen – vor allem visuellen – Eindrücken ausgesetzt, doch isolieren uns diese Eindrücke nicht viel mehr als dass sie uns mit anderen Menschen und der Welt zusammenbringen? Und können wir diese vielen Impressionen überhaupt noch konzentriert wahrnehmen und verarbeiten? Gregor Zöllig begibt sich mit seinem Ensemble auf die Suche nach der wahren Sinnlichkeit, die das Menschsein zwar ausmacht, uns aber zunehmend abhanden zu kommen droht.

 

Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde und 15 Minuten, keine Pause

 

Ein Interview auf Radio Okerwelle mit Gregor Zöllig und Ira Goldbecher zu »Vom Sinn der Sinnlichkeit« finden Sie hier.

 

Pressestimmen

»Erst dreht sich nur die Waschmaschine, dann rappelt der Karton. Selten so eine konstante rasante Steigerung in Tempo, Bewegung, Geräuschen und Flimmern erlebt wie zu Beginn von Gregor Zölligs neuem Tanzstück »Vom Sinn der Sinnlichkeit« im Kleinen Haus des Staatstheaters. Während am Kopfende des Laufstegs mitten durchs Publikum die Maschinen der Neuzeit von Mikrowelle über verschiedene Bildschirme bis zum Ventilator in Gang kommen, steigern sich auch der Sound und die vibrierenden Scanstriche, die die Bühne überlagern, eine eindringliche Installation von Laurenz Gemmer, Andreas Völk und Hank Irwin Kittel. […] Zöllig macht hier nicht die Gemeinschaftssinnkiste auf und bleibt auch bei Liebe und Erotik trotz aller körperlicher Erkundung zurückhaltend. Seine Suche geht in die Tiefe des Menschseins, Richtung Geborgenheit und Urvertrauen. Aus dem Wasser komme der Mensch, geht die Erzählung, wenn man die Hände wie Muscheln am Ohr forme, höre man noch das Meer rauschen. Die Tänzer tun es vergeblich, die Entfremdung hat uns voll im Griff. Aber Theater darf Poesie. Als Brendon Feeney auf der Bildschirmwand über das Cyberrauschen hinausklettert, die Hände am Ohr formt, ertönt Meeresrauschen. Und nur die Waschmaschine schlägt noch einsam ihren Takt. Es ist ein schöner, prägnanter Abend mit einer starken Compagnie, in der Rasanz wie im Durchatmen. Wer das Wald- und Meeresrauschen in sich wieder hören kann, ist nahe am Sinn der Sinnlichkeit. Starker Applaus.«

»[…] Wahrnehmbar immerhin zu Beginn, wie das neunköpfige Ensemble mit Ventilator, Drucker, Mikrowelle, Kaffee- und Waschmaschine hantiert, solche Alltagstätigkeiten hektisch und vereinzelt, getrieben und gestresst absolviert, ab und an auch von Lichtbändern zu einer Gruppe zusammengezwängt wird. Nähe, die alle fluchtwillig drängeln lässt. Wenn die Gruppe auseinanderstiebt, dann aber nicht mit einem individuellen Bewegungsvokabular. Die Tänzer paradieren ruckartig unisono wie Roboter: als uniforme Masse Mensch. Die sich schließlich in ein chaotisches Durcheinander auflöst, dazu serviert sind eine wilde Light-Show und Geräusche, die wie durch ein geöffnetes Fenster hereindringen, rhythmisiert und elektronisch verfremdet werden und zu einer formidablen Lärmbelästigung anschwellen (Musik und Video: Laurenz Gemmer und Andreas Völk). […] Das Ensemble setzt unterleibsbetonend auf sinnliche, durchaus erotisch gemeinte Motionen. Immer wieder treffen sich zwei Tänzer zum Pas de deux, entdecken, erkunden, streiten  sich, verfallen in Machtspiele, stoßen sich weg, um dann doch einander in aller Geilheit anzuspringen. Was für ein akrobatisches Anschmiegen, Kuscheln, Herumzärteln. Küssen und lecken. Sich ineinander verknoten. Alle wollen irgendwie zurück auf Anfang. Äpfel werden gereicht, Stichwort: paradiesischer Neubeginn des Mensch- und Paarseins. […]«

»[…] Zölligs Botschaft ist eindeutig: Unsere Welt der beständigen Bombardierung mit Eindrücken, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen, führt nicht zur Schärfung der Sinne, sondern zu deren Abstumpfung. Die neun Tänzer*innen bewegen sich zwar synchron und dicht zur Gruppe zusammengedrängt in immer neuen Formationen. Doch es ist eine Pseudo-Gemeinschaft der Getriebenen, die sich fremd bleiben und mit leerem Blick Orientierung suchen. Gekleidet in glänzende, glitzernde oder mit Pailletten besetzte schwarze Kostümen sind sie selbst Teil der allgegenwärtigen Hektik, laufen ziellos umher, gesteuert von den Rhythmen des immer nervenaufreibenderen Getöses. Dann reduzieren sich die Reize, die Kostüme sind fließender, Blau- und Erdtöne lösen das kalte Gefunkel ab. […] Das freundliche Szenario wechselt mit der demütigenden Gestik eine Tänzerin, die ihren Partner nach Art einer Hundefütterung mit Apfelstückchen versorgt. So offenbart jeder unserer Sinne seine positive und negative Seite: zartes Berühren und aggressives Unterwerfen, sinnlicher Körperduft und der imaginäre Gestank eines toten Tieres, das demonstrativ durch den Raum getragen wird. […]. Am Ende wird das Publikum mit einer hoffnungsvollen Aussicht entlassen: Wir können uns wieder auf uns selbst besinnen, wenn wir nur wollen. Und zum Schluss erklimmt ein Tänzer die Kulissenwand an der hinteren Raumseite. Hoch oben sitzt er und hält die Hände wie Muscheln über seine Ohren. Meeresrauschen erklingt, das sanfte Geräusch, das beruhigt und uns auf unseren Ursprung verweist.«

Besetzung
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