Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden*

 

Zuerst gingen wir im Theater im Meer schwimmen. Dann begaben wir uns ins Spannungsfeld zwischen »Geschichte erzählen« und »Geschichten erzählen«. Und jetzt betiteln wir Braunschweig wieder neu, als Stadt der Liebe. Das ist ein wenig vermessen und auch ein wenig verschmitzt. Vor allem aber stellt es uns selber vor interessante Aufgaben. Eben weil nichts so viel beschrieben wurde wie die Liebe, muss man sie immer neu beschreiben. Denn so recht unsterblich verliebt sein, das fühlt sich so an, als wäre das noch niemandem jemals so ergangen. Also gehen wir beherzt in zwei verschiedene Richtungen: Wir geben große Erzählungen von der Liebe, den »Sommernachtstraum« beispielsweise. Den gewaltigen Liebeshunger der »Franziska Linkerhand«. Wir interpretieren Chaplins große Liebesgeschichte »Lichter der Großstadt« (mit der Indie-Popband »Next Stop: Horizon«) und zwei ganz brutale Lieben der Theaterliteratur: »Wer hat Angst vor Virginia Woolf?« und »Gaslicht«.

Die ganz andere Richtung heißt: So viele neue Texte, Uraufführungen, Stückentwicklungen wie noch nie. Unter anderem von der kundigen Felicia Zeller, dem blutjungen Lars Werner, der international gefeierten Lucy Kirkwood. Dieses neue Suchen ist nicht nur folgerichtig, weil Liebe immer neu ist. Diese Suche nach einer Sprache für Liebe ist auch richtig, weil die Bedingungen für Liebe stets neu und immer angreifbar sind. Weil »von Liebe reden« oft verstanden wird als Eskapismus, als »nicht von Politik reden«. Es geht also um das Finden der richtigen Sprache (auf dem Theater) als sehr komplexe Aufgabe in einer Welt, die gefühlt am Abgrund trudelt, und mit einem großartigen aber unzuverlässigen Gefühl von Liebe. Wie kann das Theater von der Liebe reden in Zeiten von Hassreden und Demagogie? Was bedeutet künstlerisches Handeln in einer gespaltenen Gesellschaft? In welcher Sprache diskutieren wir darüber, wie wir miteinander leben wollen? Gibt es so etwas überhaupt noch, die »gemeinsame« Sprache? Diese Fragen bilden auch das Zentrum unserer dritten Thementage »Anders schreiben« im April 2020, wenn das Staatstheater zu einem Ort der Auseinandersetzung zwischen verschiedensten Schreib- und Veröffentlichungsprozessen wird.

Wir suchen nach unserer gemeinsamen Sprache für die, über die und trotz der Liebe. Und freuen uns auf viele interessante Theaterabende – in der Stadt der Liebe.

 

Christoph Diem, Katharina Gerschler, Claudia LowinHolger Schröder

 

*Titel eines Erzählbands von Raymond Carver
 

Erst machten wir aus einer Probebühne ein Aquarium, und jetzt machen wir aus dem Aquarium einen Kleingarten.

KGV AQUARIUM. So eine Laubenkolonie mit Klubheim, halb drinnen, halb draußen. Draußen im Grünen, sonst gerne nah an der Autobahn. In diesem Fall mitten im Theaterbau. Ein Utopia, ein Ort ungleich Arbeit, der aber mit Arbeit verbunden ist, sonst droht Wildwuchs, Vermüllung und Löwenzahn. Und das immer noch im Kleinen Haus. Im 2. Stock. Früher war der Laubenpieper genuiner Ausdruck der deutschen Seele. Heute zelebrieren wir die Laubenpieperei als Voraussetzung für Theater: Gemeinschaft, Entspannung und eine völlig neue und unerwartete Raumerfahrung. Nachbarschaft ist hier ein extremer Zustand zwischen Idylle und Kampfplatz. Tatsächlich machen wir das. Den Kleingarten Aquarium. In vollem Ernst. Das ziehen wir durch. Und darin findet alles statt. Fünf neue Inszenierungen, Direktmusiken, die Konzertreihe Musik bei Freunden. Gastspiele und Lesungen. Und mehr noch: Eigentümerversammlungen. Werden Sie Kleingärtner auf Zeit. Mieten Sie sich stundenweise ein in unsere Parzelle. Klären Sie Ihre Nachbarschaftsverhältnisse wie Sie wollen, fraternisierend oder militant. Sie sind hier frei. Sie werden hier  zum Du, Hier, wo aus dem Bühnenboden die Maulwürfe linsen. Und die Tomaten im Scheinwerferlicht erröten.

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