Nur einmal kurz die Welt retten


2020 überlagert ein Thema unser Nachdenken über Welt. Eine Virus-Pandemie hat sich in alle Bereiche unseres Lebens gedrängt und bestimmt, wie wir leben, arbeiten, wie wir Kultur und Theater erleben können. Wie unter einem Brennglas vergrößert sich in dieser Krise das, was uns stark macht, aber auch das, was unser gesellschaftliches Miteinander in Frage stellt. Dabei sahen wir uns auch ohne diese globale Herausforderung einer unübersichtlichen Zahl von Krisen gegenüber: Klimawandel, Digitalisierung, Migrationsbewegungen, Populismus und internationale Konflikte.

 

»Die Welt ist groß und Rettung lauert überall« schreibt Ilija Trojanow und so setzen wir auf Lösungen aus Wissenschaft und Forschung. Diese haben der Menschheit zweifelsohne ungeheure Entwicklung ermöglicht, man denke nur an Rad, Buchdruck, Glühbirne, Penicillin oder Solarzelle. Doch es geht nie nur um technologische Fragestellungen, auch das hat die Pandemie an vielen Stellen gezeigt.

 

Die Spielzeit 2020/21 beschäftigt sich mit Fragen aus Wissenschaft und Forschung: Was bedeutet technologischer Fortschritt heute? Welche Hoffnungen und Gefahren verbinden sich mit Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz? Warum erodieren demokratische Werte? Was bedeuten in einer globalisierten Welt Solidarität, Gerechtigkeit und Teilhabe? Wie zukunftstauglich sind wir?

 

Das Theater ist ein Ort spielerischer Forschung. Dazu möchten wir Sie herzlich einladen. Wir wollen die Fragen, die uns als Gesellschaft beschäftigen, in der künstlerischen Arbeit reflektieren, auf der Bühne wie in unseren Arbeitsprozessen und im gemeinsamen Austausch mit Ihnen. Sie werden auf klassische Stoffe von Georg Büchner, Wilhelm Raabe und Carl Zuckmayer treffen, auf Autorinnen wie Mary Shelley, die in »Frankenstein« einen künstlichen Menschen erschuf, und Martina Clavadetscher, die sich mit der Computerpionierin Ada Lovelace auseinandersetzte.

 

Das Theater als sozialer Raum wird neu ausgelotet in dem Flaubert-Projekt von Christian Franke. Das Theaterkollektiv krügerXweiss forscht in einem Rechercheprojekt zu Fritz Bauer und dem Eichmann-Prozess, der junge Regisseur David Castillo in seinem Projekt »Ti a boo« zum Klimawandel. Die ästhetischen Handschriften sind breit gefächert, einige Regisseur*innen wie Felicitas Brucker, Ulrike Arnold, Matthias Rippert oder Milena Mönch werden erstmals in Braunschweig arbeiten.

 

Gemeinsam mit den Schauspieler*innen des Staatstheaters stellen wir uns Fragen nach der ethischen Verantwortung, die Technik und Innovation aufwerfen, Fragen, die wir lustvoll und sinnlich durchspielen, im besten Fall so offen, wie es Karl Popper formulierte: »Der Wert eines Dialogs hängt vor allem von der Vielfalt der konkurrierenden Meinungen ab.« Neugier und Experimentierlust sind entscheidende Tugenden erfolgreicher Wissenschaftler*innen, Kreativität und Hartnäckigkeit gehören dazu – alles Schlüsselqualifikationen von Theaterschaffenden und Publikum: Lassen Sie uns gemeinsam die Welt erforschen!

 

Ihre
Ursula Thinnes und das Team des Schauspiels

Das ANALOGICUM
im AQUARIUM.
Ein KLUBHAUS.

Wie war das damals, vor dem Siegeszug des Binären? In den analogen Jahrhunderten, als es noch physische Tonträger gab, Zelluloid, Magnetbänder, Matrizen und Overheadprojektoren. Als wir an der Schnur telefonierten. Als man Daten per Hand notierte – in einen Kalender.

 

Wir müssen einen Diskurs führen über Vernetzung, Digitalisierung und KI. Und damit wir diesen Diskurs mit möglichst wenig Heuchelei bestreiten, räumen wir diese ganze digitale Realität aus dem Aquarium und suchen nach analogen Träumen – und nach Möglichkeiten, Theater, Konzerte, Installationen, Kunst von und mit Hand und Bordmitteln zu machen. Ging früher ja auch.

 

Eine technische Zeitreise, hinein in die Klub- und Kulturhäuser des längst vergangenen Jahrhunderts, die uns vielleicht hineinführt in die Zukunft – und in eine ganz neue, dem Menschen gemäße Ästhetik.

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